Le Havre und Liverpool

 

Neben den beiden entscheidenden deutschen Häfen (Bremerhaven und Hamburg), gab es noch eine Reihe anderer Häfen entlang der Nordsee- und Atlantikküsten, von denen aus sich die Auswanderer einschifften.

Sie stiegen in kleinen Häfen in kleinere Segelschiffe, kletterten in Häfen wie Cherbourg in Überführungsboote, die sie zu den großen Schiffen im tieferen Gewässer brachten.

Zwei zentrale Häfen waren Le Havre in Frankreich und Liverpool als indirekter Auswanderungshafen an der englischen Westküste.

 

Le Havre

Abbildung Hafen Le Havre - Baedeker 1860

Schon 1850 konnte man die Hafenstadt Le Havre von Köln aus per Eisenbahn erreichen. Wer aus dem deutschen Staatengebiet nach Le Havre wollte, musste von Köln aus kommend beispielsweise lediglich in Paris umsteigen und erreichte vergleichsweise bequem die Hafenstadt1.

Die Stadt an der Seine-Mündung war deshalb so interessant für Reisende, da man bis zu 2 Wochen Reisezeit zu Wasser sparen konnte. Man konnte die Fahrt durch den Ärmelkanal vermeiden, und die erste Strecke durch die Nordsee.

Da in der Mitte des 19. Jahrhunderts gut ein Drittel der Auswanderer über Le Havre abreisten, macht dies die Bedeutung dieser - vergleichsweise kleinen Stadt, deutlich. Über Bremerhaven verließ eine in etwa gleich große Anzahl Reisender Europa. Antwerpen, Liverpool oder Hamburg nahmen den Rest der Auswanderer auf, ebenso - verschwindend gering - einzelne andere Häfen.

K. Baedekers Reiseführer für Bahnreisende in Nordfrankreich zeigt, welche Bedeutung Le Havre für die Auswanderung zu diesem Zeitpunkt hatte, und auf der anderen Seite wie wichtig die Auswanderer - hier erwähnt besonders jene aus Süddeutschland - für die Hafenstadt waren.

Ebenso interessant die Tatsache, dass der Hafen von Le Have aufgrund seines Trockenlaufens bei Ebbe nur begrenzt nutzbar war.

 

"Die drei älteren Häfen (Bassin du Commerce, Bassin de la Barre,
Bassin du Roi) können jeder an die 200 Schiffe aufnehmen.
Das vierte, das Bassin de Vauban, ausserhalb der Festungs-
Mauern, ist erst 1842 vollendet. Ein fünfter Hafen, für Dampf-
boote, ist bei der Retenue de la Floride angelegt.
(...)

Nur während der vier Stunden höchster Fluth können Schiffe
in den Hafen einlaufen. Während der übrigen Zeit liegt er
grossentheils trocken.
(...)

Dampfboote von Havre nach New-York wöchentlich in etwa 15 Tagen, (...)

Der Zug der süddeutschen, namentlich württembergischer Auswanderer
nach America hat sich, nach Vollendung der Eisenbahnverbindungen
mit Deutschland, vorzüglich Havre, zugewendet, schaarenweise treffen
sie zu gewissen Zeitenhier ein. Für sie wird die "Stadt Stuttgart", ein von
einem Schwaben Namens Casper gehaltenen Wirthshaus, empfohlen.
"2

 

Liverpool - Auswanderung über England

Plan von Liverpool

Nach langem Suchen gelang es, einen Plan des Hafengebietes von Liverpool aus der Zeit der Auswanderung zu finden. Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt eines Plans aus dem Magazin ""The Penny magazine of the Society for the Diffusion of Useful Knowledge"3.

Er wurde anlässlich der geplanten Erweiterung und Veränderung der verschiedenen Hafenbecken erstellt und zeigt die alten Hafenbecken (Princes, George's, Kings's und Queen's Dock), eines der Trockendocks, sowie die verschiedenen "Bassins". Dabei handelte es sich um Becken, die in die Hafenbecken abzweigten, und die eine direkte Verbindung zum Meer hatten. Die Hafenbecken selbst konnten durch Sperren abgetrennt werden.

Liverpool mit seiner unmittelbaren Nähe zu den Industriestandorten Manchesters machte den Hafen an der englischen Westküste zu einem gefragten Anlaufpunkt für Schiffe von und nach den englischen Kolonien in Übersee. Schon ab der Mitte des 17. Jahrhunderts reisten von hier regelmäßig Auswandererschiffe nach Nordamerika ab.

Man vermutet, dass allein in den knapp hundert Jahren von etwa 1830-1930 allein neun Millionen Auswanderer über Liverpool abreisten4.

Bericht über den Hafen von Liverpool

Links eine Beschreibung der Bedeutung Liverpools aus dem "Handbuch für Kaufleute,  Band 3"5 John Ramsay McCulloch von 1837. Wie man lesen kann, brechen allein von Liverpool aus pro Monat sieben Schiffe in die zukünftigen vereinigten Staaten auf, davon vier nach New York.

Seine Bedeutung als einer der beiden zentralen Auswanderungshäfen nahm erst ab, als immer mehr Auswanderer aus Süd- und Osteuropa kamen und begannen, andere Häfen zu wählen. Für jene, die aus Nord- und Osteuropa kamen, aber nicht über Hamburg auswandern konnte oder wollten, blieb Liverpool interessant - so auch für Pauline Dobravolsky, die am 20. September 1913 die S.S. Laconia bestieg, um mit ihr nach Boston zu reisen. Auf der Seite http://www.gjenvick.com finden sich einige hervorragende Bilder und Informationen zur Laconia, darunter zum Beispiel ein Schiffsticket zu einer Passage vom 10.Aug.1912, nur ein knappes Jahr vor der Abreise von Pauline.

Die unterschiedlichen Docks waren für unterschiedliche Zwecke reserviert, das eine vorrangig für den Tabakhandel, das andere vorrangig für den Transport von Holz (siehe z.B. Beschreibung in "The Picture of Liverpool, or Stranger's guide").

Wie auch in anderen Häfen, durften die Reisenden auch in Liverpool die Schiffe erst kurz vor der Abreise betreten, zumeist am Tag vor dem Lichten der Anker. Dies bedeutete, dass die Auswanderer tage-, wochen- oder sogar monatelang in der Hafenstadt unterkommen mussten.

Hafen von Liverpool - Dampfschiff Umbria am Landungskai In London führte dies zu einer illegalen Stadt in Flussnähe, wo die Auswanderer campierten, in Liverpool plante man ab 1851 ein Auswandererhaus, wie sie auch in Hamburg oder Bremerhaven entstanden, allerdings wurde dieser Plan in Liverpool nie umgesetzt. Dies führte dazu, dass die Liverpooler Auswanderer weiterhin vergleichsweise hilflos den Geschäftemachern der Stadt ausgesetzt waren.

Ab 1840 versuchte man durch die Einsetzung des "Board of Emigration Commissioners" Einfluss auf die Zustände an Bord der Auswandererschiffe zu nehmen und erließ sogenannte "Passenger Acts".

Wie in den anderen europäischen Häfen auch entwickelte sich das Dampfschiff erst allmählich zum vorrangigen Transportmittel der Auswanderer. Trotz der langen Reise und der Beschwerlichkeiten, die auf Segelschiffen deutlich größer waren, nahmen die Auswanderer diese in Kauf - die Passage per Segelschiff war einfach preiswerter.

Liverpool, Dampfschiff Corinthian im Trockendock Als sich die Dampfschiffe durchsetzten, begann die große Zeit der Oceanliners, die die Reise in einem Bruchteil der Zeit bewältigten. Die Linien, die Liverpool als (einen) Hafen gewählt hatten, waren die Linien der großen Namen, die man noch heute kennt: Cunard  (z.B. die Carpathia oder die Lusitania, ebenso die Laconia, auf der meine Urgroßmutter Pauline von Liverpool nach Boston reiste), White Star (berühmtestes Schiff ist zweifellos die Titanic), sowie weitere Linien wie die Allan, Inman, Guion oder die National Line. Die beiden Fotografien von Liverpool zeigen zwei Dampfschiffe in den Docks von Liverpool6: Rechts das Dampfschiff Umbria am Landungsbereich des Docks, unten links das Dampfschiff Corinthian (Allan Line, erbaut 1900 in Belfast durch Workman, Clark & Co. Ltd.) im Trockendock. Zu dieser Zeit war das Trockendock in Liverpool das größte seiner Art in der Welt.

Anders als in deutschen Staaten gab es für die Auswanderer aus Großbritannien oder England keine gesetzliche Verpflichtung dazu, sich eine Auswanderungserlaubnis erteilen zu lassen, Pässe zu beantragen oder sich für eine Auswanderung zu bewerben - schließlich sollte es in britische Kolonien oder Interessensbereiche gehen, und die britische Regierung hatte wenig Interesse daran, die Leute davon abzuhalten, das Land zu verlassen.

Nicht nur Engländer verdienten an der ausländischen Auswanderung über Liverpool. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Deutschen, der in Liverpool verdiente, war Friedrich Sabel, ein deutscher Kaufmann. 1849 war er nach Liverpool umgesiedelt und hatte in Liverpool eines der ersten deutschen Hotels gegründet.  in denen er die Auswanderer bis zu ihrer Abreise unterbrachte. Sein "Auswandererhaus" war ein Erfolg: Sabel hatte Verträge mit Schiffsgesellschaften und Agenten abgeschlossen, einen eigenen Agenten in Hull, der für die Abwicklung der Reise von Hull nach Liverpool zuständig war.

Man konnte über Sabel die gesamte Auswanderung von Deutschland über Hull und Liverpool buchen und organisieren lassen. Sabel warb für seine Dienste und sein Haus durch seine Agenten, die er in einer ganzen Reihe deutscher Städgte platzierte. Außer Sabel gab es noch andere, kleinere Agenturen und Unterkünfte speziell für deutschsprachige Reisende7.

 

 

 

Quellen:

1 o.N. - Paris, Rouen, Havre, Dieppe, Boulogne, und die drei eisenbahn-strassen vom Rhein bis Paris, Handbuch für Reisende, K. Baedeker, 1860

2 o.N. - Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1837., S. 317-318

3 Knight, Charles (Herausgeber) im Auftrag der Society for the Diffusion of Useful Knowledge (Great Britain), The Penny magazine of the Society for the Diffusion of Useful Knowledge, Band 5-6, Verlag Charles Knight, 1832

4 National Museums Liverpool, Merseyside Maritime Museum, National Museums Liverpool - Sheet No. 64 : Liverpool and Emigration in the 19th and 20th Centuries

5 McCulloch, John Ramsay - Handbuch für Kaufleute,  Band 3, Cotta, 1837

6 The Rotarian, Mai 1921, Jg. 18, Nr. 5

7 Kirchberger, Ulrike - Aspekte deutsch-britischer Expansion: die Überseeinteressen der deutschen Migranten in Grossbritannien in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Band 73 von Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, Franz Steiner Verlag, 1999