Herkunft der Familie Dobravolsky
Seit Beginn der Suche nach den Dobravolskys und ihrer Herkunft liegt die Frage, woher die Familie stammt, im Dunkeln. Es gibt nur sehr wenige Unterlagen, aus denen hervorgehen könnte, wo die Familie vor ihrer Ausreise lebte. Die Namensforschung brachte bisher nur wenig Erfolge. Also blieben wieder nur die vorhandenen Unterlagen. Durch Erzählungen der Eltern von Lisa Coultrup wissen wir, dass die Familie scheinbar keine Unterlagen über ihre Herkunft hat(te). Der allergrößte Teil des Wissens stammt aus Erzählungen, die – unserer Einschätzung nach – nicht sehr viel Realitätsgehalt zu haben scheinen.
So ist die Rede von der Tochter aus reichem polnischen Adelshaus, die sich mit den feudalistischen Zuständen in ihrem Heimatland nicht abfinden wollte und sich zudem den russischen Herren im Lande nicht beugen wollte. Sie soll angeblich all ihren Besitz verkauft haben, um mit dem Geld eine Überfahrt für sich und ihre Bediensteten in die USA bezahlen zu können. Es gab wohl eine solche Gräfin - aber es gibt keinerlei verbürgte Hinweise darauf, dass es sich gerade bei unseren Auswanderern um diese Bediensteten handelte.
Bei der Suche nach den Herkunftsorten haben wir uns zunächst auf die Fakten beschränkt, die uns vorliegenden Unterlagen.
Diese Unterlagen sind:
* Abfahrtsliste Josef Dobravolsky (damals noch Dobrowolsi) in Hamburg 1912
* Ankunftsliste Josef Dobravolsky auf Ellis Island 1912
* Entwurf eines Antrags auf Einbürgerung in den USA von 1913 (nicht eingereicht, weder Josef noch Pauline wurden Zeit ihres Lebens eingebürgert)
* Registrierungskarte von Josef Dobravolsky für den ersten Weltkrieg von 1917
In den so genannten „shipping lists“, in denen bei der Abfahrt des Schiffes (in diesem Fall Hamburg) und bei seiner Ankunft (auf Ellis Island) die Angaben der Auswanderer erfasst wurden, gibt Josef an, er sei in Russland geboren. Als Ort verzeichnet die Liste eine Angabe, die wir als „Bialefowdaz“ lesen.
Allerdings widerspricht dies sämtlichen phonetischen und sprachgeschichtlichen Gesetzen. Vermutlich ist eine Ortschaft mit dem Vorsatz Biale, Biala oder Bialy gemeint, von denen es jeweils Hunderte gibt. Zudem wird nicht deutlich, ob es sich um das „eigentliche“ Russland handelt, oder um das Kongresspolen, das zur damaligen Zeit durchaus als Russland gesehen wurde.
Ein Jahr später, 1913, gibt Josef in dem Entwurf des Einbürgerungsantrages an, er sei in Polen geboren, Land Russland. Dies deutet auf Kongresspolen hin. Er gibt immer an, er sei Russe und in Russland geboren, während seine Frau Paulina später immer angibt, sie selbst sei Polin und auch in Polen geboren. Laut Lisa Coultrup, Tochter von Donald Dobravolsky, einem Enkel von Josef, haben ihre Eltern erzählt, dass es in der Familie häufiger zu Streitigkeiten gekommen sei, wenn Josef angefangen habe Russisch zu sprechen. Es wäre also sogar möglich, dass Josef selbst Russe war, in Polen gelebt und geheiratet hat, um schließlich von dort aus in die USA auszuwandern.

Sein letzter Wohnort in Russland war – laut Schiffslisten – ein Ort namens Szczernowce. Dort würde auch jetzt noch seine Frau leben, Pawlina Dobrawolska. In all den Jahren ist es uns nicht wirklich gelungen, den Ort festzulegen. Eine Forscherin, die viel in Polen arbeitet, hat für uns versucht, etwas zu den verschiedenen Orten zu ermitteln. Sie schreibt: „Dann käme auch Czernowcy als ‚Szczernowcy’ infrage, also Tschernowitz.“ Dies deckt sich mit unseren letzten Vermutungen.
Mit Josef auf dem Schiff war eine Familie Oborski - Anton, Cezaria und Zymunt. Dies Familie ist von Interesse, da Jahre später ihre Tochter Helen einen Sohn von Josef heiratete, Walter Dobravolsky, Vater von Ulrike Ritzenhoff.
Josef scheint sich während der Reise mit der Familie angefreundet zu haben – nicht zuletzt ist diese Vermutung recht wahrscheinlich, da er auf dem oben gezeigten Foto rechts neben der Familie steht.
Wer der junge Mann ist, der der Frau seine Hand auf die Schulter legt, konnten wir bisher nicht herausfinden.
Eventuell handelt es sich um Jozef Kozlowski, einen jungen Mann, der in den Schiffslisten direkt vor der Familie Oborski verzeichnet ist. Er gibt an, sein Ziel in den USA sei ein Karol Oborski, Bruder von Anton Oborski, einem „Bekannten“ von ihm. Genau dort hin will auch die Familie Oborski.
Möglicherweise ist dies ein Indiz auf einen Handel mit Kontaktadressen, von dem auch die Eltern von Lisa Coultrup erzählen. Die Familie Oborski habe nach ihrer Einreise in die USA einen schwunghaften Handel mit Kontaktadressen betrieben. Es war für eine Einwanderung damals notwendig, eine Kontaktadresse in den USA zu haben, die als erster Anlaufpunkt diente. Oft genügte es, an den Schaltern einen Umschlag vorzuzeigen, auf dem die entsprechende Adresse stand. Dies ging teilweise als „Einladungsschreiben“ durch.
Es gibt die Geschichte, dass Cezaria das Baby bei der Abfahrt in Hamburg unter ihren Kleidern versteckt hatte – aus Angst, man könnte ihr die Mitreise verweigern. Die Familie gibt an, dass ihr letzter ständiger Wohnsitz der Ort Szczurowiec gewesen sei. Dort würde auch die Mutter von Anton, Jozefa Oborski, zum Zeitpunkt der Abreise noch immer leben.
Wir sind lange Zeit davon ausgegangen, dass es sich bei den beiden Orten Szczurowiec (letzter Wohnort von Anton und Cezaria) und Szczernowcy (Josef) um den gleichen Ort handeln würde – einfach nur unterschiedlich geschrieben. Die verschiedenen Forscher, die wir kontaktiert haben um etwas mehr über die polnischen Wurzeln zu finden, sagten allerdings übereinstimmend, dass es sehr wahrscheinlich unterschiedliche Ort sein würden: Ihrer Aussage nach handelt es sich bei dem gesuchten Ort Szczurowiec um Szczurowice bei Brody nordöstlich von Lemberg.
Stellt sich noch die Frage, ob man eventuell weitere Hinweise über die Adresse finden könnte, die Josef als Ziel bei seiner Einreise in die USA angegeben hat. Sein Ziel ist zweifelsohne Boston gewesen, dort hat er sich zunächst niedergelassen. Als Ziel nennt er seinen Schwager Matenez Oryszewski.
Man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass wir den Namen aus der Liste selbst richtig abgeschrieben haben. Dieser Matenez hat damals scheinbar in der Bond Street 624 in Boston gelebt. Leider ist nichts über einen Oryszewski mit Namen Matenez (vermutlich hieß er Mateuz) zu finden.
Eines Tages stolperten wir über eine Suchanfrage:
Searching for the name: ORISCHEFSKY, MATWEJ as it was listed on declaration of intention
He arrived at the port of New York
Original signature shows name as MATEUSE ORYSZEWSKI
the certificate of arrival from Ellis Island states he arrived on June 5, 1912.
If anyone has access to this list and can check the LITUANIA ship manifest for me I would appreciate it.
Es ist nie gelungen, Kontakt zu der Absenderin der Suchanzeige aufzunehmen. In den Unterlagen von Ellis Island fanden wir den Eintrag, von dem sie spricht, nicht. Woher sie diese Angabe hat, konnten wir nicht klären.
Leider stieg die Verwirrung wieder an, als wir eines Tages in den Unterlagen bei Ancestry die Registrierkarte von Josef Dobravolsky aus dem Jahr 1917 fanden. Dort steht nun wieder ein neuer Ort, dessen Namen wir kaum lesen können.
So ist also gerade die interessante Frage, woher in Polen die Dobravolskys nun tatsächlich stammen, weiterhin unbeantwortet. Es bleibt Platz für Spekulationen ... und weitere Suche.
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